Zwei Jahre Großformat mit der Linhof Technika

Der Sommer 2020 war da und Corona wollte nicht weichen. Der Frankreichurlaub mit meiner lieben Frau Angela war abgesagt und wir hatten es uns im Garten gemütlich gemacht. Trübsal blasen? Nein! Hatte nicht alles auch eine positive Seite.

Es gab da in mir die Lust auf eine große Fotoserie. So was richtig aufwendiges, mit viel Arbeit und neuen Techniken, irgendetwas was meine fotografischen Fähigkeiten weiter entwickelt.

Da der Bewegungsradius aus bekannten Gründen eingeschränkt war legte ich den Fokus auf meine Heimatstadt. Hannover gilt für viele Außenstehenden als etwas zurückgeblieben. Für mich ist das eine pulsierende Stadt mit einigen schönen Highlights. Während der Coronakrise müßten die Orte, an denen normalerweise viel los ist, doch weitestgehend menschenleer sein. Diese besondere Atmosphäre wollte ich in meiner Serie Hannover4x5 einfangen und damit ein besonderes Zeitdokument erschaffen.

Die zweite Motivation für Hannover4x5 war natürlich meine „neue“ Linhof Technika die ich seit kurzen mein eigen nannte. Die Anschaffung einer solchen Kamera kann man als ein kleines Abenteuer bezeichnen. Dazu habe ich ja im Blog schon einiges geschrieben und meine Erfahrungen zusammengefasst. Für Hannover4x5 versprach mir durch die analoge Großformattechnik einen besonderen Look, der die Serie vom allgemeinen Bildallerlei absetzt.

DIE LINHOF TECHNIKA

Die TECHNIKA ist ja noch gute, altdeutsche Feinwerkkunst und mehr oder weniger aus dem Vollem gemeißelt.

Meine TECHNIKA ist circa 60 Jahre alt und hatte auf den zweiten Blick doch einige Spuren der Zeit , die ich bei Linhof in Mün­chen aus der Welt schaffen lassen musste. Nach der Generalüberholung ist die Kamera spielfrei und fast neuwertig, eine wahre Freude der Kameratechnik.

Die TECHNIKA verfügt über ein verstellbares Front- und Rückteil für Filmmaterial der Größe 4×5″. Durch das große Negativformat entstehen in den Bildern besondere Pers­pektiven, die mit dem Rückteil noch verstärkt werden können. Bei der Hannover4x5 Serie war es mir aber wichtig damit nicht zu über­ treiben. Ich finde es viel interessanter wenn die Veränderungen subtiler und nicht so auf­ dringlich sind.

Die gesamte Serie wurde mit dem Filmmaterial ADOX CHS100II erstellt.

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Ich hatte im Vorfeld etwas rumgetestet und der ADOX hat mir am Besten gefallen. Schön, aber meines Erachtens nicht ganz so wichtig, beim AODX CHS100II handelt es sich um einen panchromatischen Film. Viel wichtiger finde ich die Detailzeichnungen  und feinen Grauverläufe. Wichtig für den Look ist darüber hinaus der Entwickler. Zur Look Entwicklung ging ich da durch einige Täler und testete unterschiedliche Lösungen und Zeiten aus. Der letzte Prozessschritt sollte auf jeden Fall in Photoshop erfolgen, darum suchte ich für diesen hybriden Ansatz die beste Lösung. Am Ende Schoß ich mich auf ATOMAL49 ein, der die Negative besonders fein zeichnet, auch bei kontrastreichen Motiven. Die Entwicklungszeiten besorgte ich mir vom Hersteller als auch aus Internetquellen. Da ich mir eine eigene Rotationsmaschine gebaut hatte mußte ich die Zeiten aus diesen Quellen etwas anpassen.

Digitalisiert habe ich die Negative mit einer Nikon D850 und Zeiss Makro-Planar 50mm. Lightroom und Photoshop sorgten dann für den letzten Schliff.

DIE PURE FREUDE UND EINE SCHÖNE ZEIT

Selten hatte ich so viel Spaß beim fotogra­fieren. Um das zu verdeutlichen ist eine Schilderung der Bildentstehung notwendig.

Da die ganze Fotoausrüstung circa 10kg wiegt plante ich meine Motive genauer. Ich suchte mir ein überschaubares Areal mit guter Parkmöglichkeit. Die Motive in diesem Areal hatte ich bei Anreise schon im Kopf. Die Wege waren dadurch kurz und das Equipment konnte auf das Notwendige redu­ziert werden, was mein Rücken mir dankte.

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Den richtigen Standort suchte ich mit einem Linhof Messsucheraufsatz. Das erspart un­nötige Aufbauzeiten, denn es gibt nichts blö­deres als das ganze Zeug bei Motivsuche hin und her zu tragen. Hatte ich den Standort ge­funden, Stativ raus, Kamera aufstecken und mit der Wasserwaage ausrichten. Macht man das nicht ist der Perspektiveffekt nicht so gut zu steuern. Dann Objektivwahl, Feineinstel­lung, Belichtung messen streng nach Zo­nensystem und irgendwann die Filmplatte einlegen (Gelbfilter nicht vergessen). Auf das richtige Licht warten, auslö­sen und abbauen.

Mal eine Stunde fummeln für eine Aufnahme war da nicht selten. An manchen Tagen bin ich am Abend mit 6 Aufnahmen nach Hause gekommen. Ihr könnt euch sicher vorstellen wie man sich beim Entwickeln konzent­riert um ja keinen Fehler zu machen.

Soll ich euch aber was sagen, das hat alles wirklich Spaß gemacht und ich  möchte keinen Tag missen. Der ganze Bildentstehungsprozess hat was herrlich meditatives und entschleunigt einen. Man muß sich richtig konzentrieren und sollte keine Fehler machen. Dann wartet man auf das richtige Licht und kann bis zum eigentlichem Schuß ein wenig dösen.

So eine Linhof ist dazu noch ein wahrer Kommunikationsförderer. Raffelt man da so rum kann manch vorbeiei­lender Passant seine Neugier nicht zügeln und erkundigt sich nach der altwürdigen Kamera. Einige nette Kontakte haben sich daraus entwickelt.

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Am Rande passiert soviel Nettes

Eine kleine nette Anekdote, die nichts mit Hannover4x5 zu tun hat. Im Sommer 2021 hatte es mich wieder nach Helgoland verschlagen. Der berüchtigte Lummensprung trieb eine ganze Zahl von Fotobegeisterten auf den roten Felsen. Ich stand da etwas Abseits und wollte mit der Linhof die Lange Anna fotografieren. Beim warten auf das richtige Licht saß ich nur so herum und kam mit einer Gruppe ins Gespräch. Jeder hatte von den Vögeln nun schon mehr als 2000 Bilder gemacht. Tja und bei mir, ich wartete immer noch auf das richtige Licht um das erste mal abzudrücken. Slowfotografie halt. Abends im Hotel gab es dann ein wiedersehen und wir hatten einen sehr schönen Abend mit viel Fototalk. Über Lummenbilder haben wir aber recht wenig gesprochen. Analog scheint irgendwie interessanter zu sein….

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WELCHE FOTOGRAFISCHE ENTWICKLUNG NAHM ICH

Das Projekt Hannover4x5 war und ist für meine fotografische Entwicklung eine großartige Sache. Diese Entwicklung entsteht durch die analoge Arbeitsweise, das Arbeiten mit dieser archaischen Kamera , das manuelle herangehen.

Die LINHOF TECHNIKA zwingt zu mehr Gedanken über Motiv, Perspektive, Licht und Bildausschnitt. Man wird handwerklich besser ohne es wirklich zu merken. Mir ist es häufig so gegangen, dass ich ein Bild gar nicht gemacht habe weil ich nach längerem Betrachten keine Freude mehr an dem Motiv hatte. Alleine durch diesen Prozess verändert sich der Blick. Der Fotograf passt seine Motivsuche und Perspektivwahl an, schaut tiefer und anders hin.

Hannover4x5 zeigt meine Heimatstadt in einer schwierigen Zeit. Menschleere, städtische Räume gehören zu seltenen Motiven, insbesondere wenn man sich an den Hotspots einer Stadt befindet. Corona hat dafür gesorgt.

Die aktuelle Bildserie ist nur eine Momentaufnahme, das Projekt  Hannover 4×5 ist nicht zu Ende. Meine fotografischen Interessen haben sich neu ausgerichtet. Plötzlich beschäftige ich mich mit Ernst Ludwig Kirchner der als Basis für seine expressionistischen Bilder viel mit Großformatkameras gearbeitet hat. Seit neuestem habe ich eine Schreibkladde in der ich Motivideen sammle und Platinumdruck interessiert mich mehr als die neuesten Fotodruckservices. Die Reise ist noch lange nicht zu Ende!

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Ein Fotoblog, der viele Informationen zur Verfügung stellt. Insbesondere über Firmen wie Zeiss, Nikon, Canon, Leica, Sony, Olympus, Panasonic, Fujifilm, Sigma, Tokina, Tamron. Ein Blog über Fotografie muß sich auch mit den größten Fotografen ihrer Zeit beschäftigen. Dies sind Anselm Adams, John Wilhelm, Steve McCurry, Tamina-Florentine Zuch, Corinne Vionnet, Thorsten Overgaard, Ragnar Axelsson, Tim Flach, Franziska Stuenkel,  Man Ray. Auch andere Blogger aus der Fotografie sind hier einer immer gern gesehener Orientierungpunkt: Ming Thein, Der Stilpirat, Steffen Böttcher,  neunzehn72, Krolop & Gerst, kwerfeldein, gwegner. Die Foto Kunst darf natürlich auch nicht fehlen: Andreas Gursky, Thomas Ruff, Thomas Struth, Candida Höfer.

6 replies on “ Zwei Jahre Großformat mit der Linhof Technika ”
  1. Wunderbare Sache und toll ausgearbeitete Bilder.Ich fotografiere nun seit 40 Jahren,nach wie vor auch analog im Grossbild und Mittelformat.Das ist reine Fotografie,wie Sie sie betreiben,freut mich irsinnig,ganz liebe Grüsse

  2. Sehr, sehr schön.
    Gerade auch das menschliche begreifen des Selbstbildnis.
    Für mich war Mal das krasse Gegenteil in der analogen fotography eine Herausforderung.
    Der mieseste Kleinbild Film, ORWO, SW und nur nachts mit dem dunklen Seelen einer Stadt.
    Die Bar.
    Menschen in Kultur der sucht.
    Überentwickelte Filme und knakige Abzüge.
    Auch einige Veröffentlichungen als „Kunst“
    Wahnsinnig spannend mit der kleinen Nikon FM und nem runter Gericktem 35mm 1,4

  3. Einfach nur wunderbar. Hier wurde Ansel Adams R.I.P. erwähnt der die Randzonenfotografie erfunden hat. Sein Schüler https://clydebutcher.com/galleries/ hatte mir mal die Möglichkeit gegeben ein bißchen von ihm zu lernen. Sollte mal jemand nach Florida kommen, der sei gut beraten mit dem Besuch seiner Gallerie.

      1. Vielen Dank dafür Hannover ins rechte Licht zu rücken. Ich bin in Linden geboren und liebe die Stadt. Großartige Bilder! Grüße Norbert

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