Technika von Linhof – Tipps zum Gebrauchtkauf

Eine Linhof Technika ist ein Relikt deutscher Feinmechanikkunst und gehört sicher zum Besten was man auch heute noch im 4×5 Format bekommen kann. Neukameras bewegen sich allerdings im Preisbereich eines Kleinwagens und sind damit für den leidenschaftlichen Hobbyfotografen unerschwinglich.

Als ich anfing mich mit der Linhof Technika zu beschäftigen klapperte ich erstmal einige Gebrauchtfotobörsen ab. Angebotende Kameras sind in den meisten Fällen ca 50-70 Jahre alt und weisen recht unterschiedliche Zustände auf. Häufig findet man Kameras die wohl mal in einem erbärmlichen Zustand waren und von den Händlern aufgearbeitet wurden. Das kann man meistens an der rechten bunten Komponentenzusammenstellung erkennen. Ein Laufboden aus den 1950ern, ein Objektiv von Kodak, die Standarte aus den 1970ern und ein Balgen aus der USA. Es ist schon aufregend was es da so gibt.

Ein Händler vertrat die Meinung das es in Deutschland zur Zeit immer so max 4-5 Angebote gibt, die eine Kamera in akzeptablen Originalzustand repräsentierte. Die Preise für diese Kameras beginnen dann bei ca 1000 Euro und gehen für eine noch “junge” Technika Master bis zu ca 3000 Euro.

Sehr aufschlußreich für einen Gebrauchtkauf war für mich ein fast 2 stündiges Telefonat mit Linhof in München. Linhof will zwar vorzugsweise neue Kameras verkaufen, sind sich aber bewusst, dass die Pflege der Bestandskameras auch ein kleines Geschäft ist. Offen gingen wir die einzelnen Komponenten der Technika durch und diskutierten die Stärken und Schwächen. Was kann man mit etwas Geschick selber reparieren oder wieder in Form bringen und wozu braucht man den Support von Linhof.

Hier nun die Punkte die mich in die Lage versetzt haben eine zwar 60 Jahre alte Technika zu erstehen, welche in einem originalem Zustand, preislich überschaubar und voll funktionsfähig war.

Linhof Technika IV im abgekippten Zustand
Linhof Technika IV im abgekippten Zustand

Checkliste Linhof Technika

Balgen

Der Balgen sollte geschmeidig sein, ohne Löcher, übermäßigem Verschleiß und verklebten Ecken. Die Dichtigkeit könnt ihr mit einer Lampe testen, die ihr innen in den Balgen haltet. Scheint kein Licht nach außen, so ist er dicht. Den Balgen kann man mit nicht fettenden Ledercremes auch wieder aufpeppen. Muß der Balgen ersetzt werden, so könnt ihr das direkt bei Linhof München machen lassen. Alternativ gibt es günstige Balgen bei eBay und Reparaturanleitungen auf Youtube. Ob diese Alternative wirklich was taugt kann ich euch nicht sagen. Bei einigen von Händlern aufgearbeiteten Technikas konnte ich diese Lösung begutachten, war aber bezüglich der Qualität enttäuscht.

Balgen der Linhof Technika
Balgen der Technika

Belederung der Technika

Bei vielen gebrauchten Modellen ist die Belederung in einem erbärmlichen Zustand. Die Techniker von Linhof gaben mir zu verstehen, dass sie sich damit nicht gerne beschäftigen. Gerne gaben Sie aber ein paar wichtige Tipps wie man die Belederung mit einfachen Mitteln und etwas Geschick wieder in Schuß bekommt. Wie ich das gemacht habe findet ihr hier. Mein Tipp: Wenn ihr ein paar Euro sparen wollt, dann sucht nach Linhof Technikas die technisch gut sind und dessen Belederung überholt werden muß. Diese optische Geschichte kann den Preis einer gebrauchten Technika schon deutlich drücken.

Seitenansicht der Linhof Technika
Seitenansicht

Laufboden

Der Laufboden ist eines der kritischen Bauteile. Liegt hier ein Defekt vor, dann lasst lieber die Finger von der Kamera oder erkundigt euch vorher was die Reparatur kostet. Ein Defekt liegt aber nur vor, wenn die Laufschienen oder Laufschlitten verbogen oder starkt abgenutzt sind. Bewegt für einen Test den Laufboden komplett raus und rein. Dann schiebt die Standarte hin und her. Geht das schwer, so säubert die Laufschienen mit einem Lappen und bringt einen dünnen Film Vaseline auf. Dies ist ein Tipp von Linhof. Die Vaseline muß säurefrei sein, dann kann es zu keinen Schäden kommen. Wenn dann die Frontstandarte bei dieser Bewegung unpräzise läuft geht wie folgt vor: Zieht den Laufboden komplett raus und dreht die Kamera um. Dort sind 3 Schrauben deren Funktion ihr recht einfach verstehen werdet. Löst die Schrauben, drückt die Laufschienen mit den Fingern eng an den Laufboden und zieht die Schrauben wieder an. Jetzt sollte alles wieder präzise funktionieren.

Laufboden
Im Vordergrund der Laufboden

Frontstandarte der Linhof Technika

Die Frontstandarte ist das nächste kritische Teil. Wenn die Klemmhebel für die Seitenverschiebung und Objektivschwenkung fixiert sind und die Frontstarte trotzdem klappert gilt es vorsichtig zu werden. Die Reparatur kann schnell den Wert der Kamera übersteigen. Gleiches gilt für die anderen Funktionen wie die Klemmschraube zur Fixierung der Objektivneigung, den Rändelknopf zur Auslöung der Objektivneigung und die Höhenverstellung des Objektivs. Alles muß reibungslos funktionieren, ohne Kompromisse !

Frontstandarte der Linhof Technika
Der Metallrahmen um das Objektiv herum bezeichnet man als Frontstandarte

Rückteil

Für das Rückteil gilt das gleiche wie für die Frontstandarte. Die Beweglichkeit muß gewährleistet sein. Zum Bewegen des Rückteils müssen alle 4 Fixierungen gelöst werden. Dann rausziehen und die Fixierungen wieder festschrauben. Schiebt man das Rückteil an die Kamera ran muß es am Ende einrasten. Alles was hier nicht geht ist kritisch.

Drehrahmen

Der Drehrahmen sollte sich leicht bewegen lassen und einrasten. Funktioniert das nicht, dann nehmt den Drehrahmen ab und schaut euch die Rastungen an. Die Beweglichkeit kann man evtl mit etwas Fett wieder hin bekommen. Die Rastungen sind häufig durch harziges Fett blockiert und müssen gereinigt werden. Sind die Federn der Rastungen defekt wird es schon etwas schwieriger. Wollt ihr kein Risiko eingehen, dann lieber Finger weg, wenn es hier Probleme gibt.

Mattscheibe

Die Mattscheibe sollte frei von Kratzern sein. Nehmt dazu am besten den ganzen Mattscheibenrahmen heraus. Mal sauber machen schadet meistens nicht. Habt ihr den Mattscheibenrahmen herausgenommen kontrolliert die Auflage des Rahmens. Dort muß eine Florschicht sein, die für die Lichtdichtigkeit sorgt. Ist da nichts mehr oder alles platt gedrückt kann das zu Problemen führen.

Entfernungsmesser

Einige Verkäufer preisen ihre Kameras damit an, dass die Entfernungsmessung funktioniert. Ohne Frage ist das ganz schön, aber aus meiner Sicht nicht kriegsentscheidend. Passt die Entfernungsmesser-Kurve im Boden der Kamera zum Objektiv, dann ist das schön. Die Entfernungsmessung funktioniert aber selbst im tadellosen Zustand nur bei paralleler Front- und Filmebene. Sobald ihr mit Tilt- und Shift arbeitet müßt ihr über die Mattscheibe scharf stellen. Ich würde mich also von diesen Dingen nicht blenden lassen, 90% eurer Aufnahmen werdet ihr über die Mattscheibe scharf stellen. Zum Beispiel habe ich in der Zwischenzeit die Entfernungsmesser-Kurve rausgenommen, da sie beim abklappen des Laufbodens doch schnell stört.

Entfernungsmessung Linhof Technika
Oberteil der Entfernungsmessung

Weitere hilfreiche Informationen zur Linhof Technika

Objektiv

Last but not least möchte ich noch was zu den Objektiven sagen. Man kann eigentlich fast jedes Großformatobjektiv auf der Linhof benutzten, vorausgesetzt der Bildkreis passt zur Kamera. Eng wird es, wenn der hintere Teil des Objektives sehr groß ist und in den Balgen drückt. Dies ist zum Beispiel beim Schneider Super-Angulon 90mm/f5.6 der Fall. Eine Übersicht über alte und neuere Objektive habe ich hier verlinkt. Damit ihr das Entfernungsmessgerät nutzen könnt ist eventuell eine Nachjustage der Unendlichkeitsanschläge notwendig. Das könnt ihr mit etwas Geschick selber machen und ist kein Argument pro oder contra für den Kauf einer Linhof Technika.

Linhof Handbücher

Für den Neuling habe ich vielleicht zuviel neue Begriffe verwendet. Damit ihr die Begriffe zuordnen könnt und die Bedienung der Kamera auch versteht, empfehle ich, dass ihr euch ein altes Handbuch besorgt. Die Firma LAFLEX ist Service Partner von Linhof in den USA und bietet Anleitungen alter Technikas, auch in deutsch, zum download an. Ihr findet auf der Laflex Side auch einen interessanten Buyers Guide. Laßt euch aber nicht komplett verwirren ;-).

Welches Linhof Technika Modell ?

Vielleicht noch ein Tipp welches Linhof Technika Modell für euch in Frage kommt. In den Foren preisen viele den Hubhebel zur Hochverstellung des Objektives als “must have” an. Der ist allerdings erst ab der Linhof Technika V dabei. Auch soll die Ersatzteilversorgung bei jüngeren Modellen noch viel besser sein, was für sie spricht.

Für mich haben diese Argumente alle nicht gezählt. So ein Hubhebel ist ein netter Gimmick, aber mit der Rändelschraube der Technika IV und früher geht es auch sehr gut. Laut dem Telefonat mit Linhof sind auch für ältere Modelle die Ersatzteile verfügbar, evtl muß man hier und da improvisieren. Damit möchte ich nur sagen, dass ihr euch nicht von den alten Kamera abschrecken laßt. Natürlich kann man sagen “je jünger je besser” aber das ist auch eine Preisfrage.

Bei den Einstellmöglichkeiten gibt es allerdings modellspezifisch Unterschiede. Die Tilt/Shift Einstellmöglichkeiten der alten Modelle sind ausreichend, auch wenn man manchmal den Boden abklappen muß um einen extremeren Shift hinzubekommen. Bei der neueren Master Technika Classic werden größere Winkel und Wege angeboten, was die Arbeit erleichtert.

Vergleich: Super Technika III/IV/V versus Master Technika Classic
Objektiv Shift hoch: 55 / 55 mm
Objektiv Shift quer: 25 / 40 mm jeweils in beide Richtungen
Objektiv Tilt um Mittelachse: 15 / 30 mm jeweils nach oben oder unten
Objektivstandarte Drehung: 15 / 15 Grad
Rückteil Tilt: 15 / 20 Grad in alle Richtungen
Laufboden abklappbar: 15,30 / 15,30 Grad

2 replies on “ Technika von Linhof – Tipps zum Gebrauchtkauf ”
  1. Sehr schön zusammengefasst, danke!
    Eine wichtige Kleinigkeit fehlt mir, nach der ich immer wieder gefragt werde:
    Der Unterschied der Technika zur Super-Technika.
    Eine Technika *mit* Entfernungsmesser ist eine Super-Technika, ansonsten ist es eine Technika.

    Bei den Master Technika Versionen gibt es auch Ausführungen mit und ohne Entfernungsmesser, aber da spricht man dann nicht von der “Super-Master”, sondern von der Master oder Master classic einerseits und der Master 2000 (für die es als Zubehör zumindest noch einen elektrischen Entfernungsmesser gibt/gab) und der Master 3000 (beide ohne).

    Bei den 6×9 Versionen gab es zuletzt zwar eine Super Technika V mit der oberen Gehäuseklappe der Master Technika. Aber sie hieß trotzdem nicht Master Technika. Die Version Technika V (ohne Klappe und ohne Entfernungsmesser) hieß schlicht Linhof Studienkamera. Die Versionen ohne Balgen aber mit Einstellschnecke hießen Press 70 bzw. Aero Press und Aero Technika.

    Bei den 13x18cm (5×7) Versionen gab es nie eine Master Ausführung mit oberer Gehäuseklappe für Extremshift. Die letzte Technika 5×7″ gab es in der Ausführung V auch als Super Technika und diese beiden Versionen hatten – anders als die Technika V 4×5″ – ein fest eingebautes Weitwinkeleinstellgerät.

    Die einzige Version für 18×24 wurde meines Wissens nach nur ohne Entfernungsmesser für kurze Zeit als “Technika 18×24” angeboten, aber davon wurden auch nur ca. ein Dutzend Stück gebaut.

    Alle Technika Kameras in der Version “Standard Press” sind eigentlich gar keine Technikas, denn sie verfügen weder über Tilt-, noch über Shiftfunktionen.

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