Ab wann ist Fotografie Kunst? Smalltalk mit Andy Schulz.

In einem Interview stellt sich Andy Schulz dieser Frage und gibt Einblicke in das Leben eines Künstlers.

Andy Schulz hat sich eine Auszeit von der Fotografenszene in Deutschland gegönnt und betreibt in der Zwischenzeit, gemeinsam mit seiner Frau Anika, ein Hotel in Schottland. Über die Mischung aus Schottenrock, Linhof Technika und der Freude an der Fotografie hat sich ein netter Kontakt entwickelt.

Andy diskutiert leidenschaftlich und bis zur Selbstaufgabe über Kunst.

Wir sprachen über unsere Fotografien und er schmunzelt immer wenn ich seine Bilder mit  BritPopLook beschreibe, inszeniert und auf höchstem Niveau. Seine Märchenbilder regen aber zum Nachdenken an und bleiben im Kopf des Betrachters haften.

Meine Hannover4x5 lobte und kritisierte Andy gleichermaßen. Er scheute sich auch nicht mich anzutreiben „Die Hannover4x5 und deine Schuhe, da mußt du was draus machen, das ist Kunst“.

Das ganze entwickelte sich zu einem großartigen Austausch über Kunst, Fotografie und der Leidenschaft des Bildermachens.

Dirk: Hallo Andy, wie ist heute das Licht in Schottland?

Andy: Die Sonne steht hier immer sehr tief, dadurch ist das Licht warm und die Farben auf den Fotos werden kräftig. Ein Polfilter kann man sich in Schottland sparen.

Dirk: Mit welcher Kamera bist Du an solchen Tagen unterwegs?

Andy: Ich denke in Bildern, frag mich nicht so viel technisches Zeug.

Dirk: Ups, gar keine Liebe zur Fototechnik ?

Andy: Doch schon. Ich mache das meiste Analog mit einer Zenza Bronica. Im Rahmen eines Charity Projektes ist mir gemeinsam mit Linhof München die Restauration einer völlig zerstörten Super Technika gelungen. Das liegt gerade in den letzten Zügen und ich freue mich schon richtig auf die alte/neue Kamera.

Aber ganz ehrlich, wenn Du die Fotografie von der Technik aus angehst kommst Du nicht weit. Am Ende hast du vielleicht ein hübsches Bild, aber meistens keine Kunst und in den Kopf des Betrachters kommst Du damit auch nicht rein.

Dirk: Jetzt sind wir ja schon mitten drin. Erzähl doch mal wie Du zur Fotografie gekommen bist.

Andy: In mir gab es immer diesen Antrieb etwas fest zu halten, zu dokumentieren. Dann arbeite ich gerne mit Menschen. Das hat dazu geführt das ich die ersten Jahre viel in der Modebranche und in Medienunternehmen verbracht habe. Ich habe mir viel autodidaktisch angeeignet. Bin dann aber an den Punkt gekommen das man dieses Handwerk doch mal richtig lernen sollte. Dazu diente das Studium am London College of Communication.

Dirk: Wie hat das Studium deine Fotografie verändert.

Andy: Wie schon gesagt, weniger Technik, mehr Bild. Aber das ist nur die Oberfläche. Das Studium lehrt dich Fotografie anders zu definieren. Heute gehe ich Bilder sehr bewusst an. Der spätere Betrachter steht im Mittelpunkt und die Frage wie ich ihn mit einem Bild glücklich mache. Er bekommt etwas von mir, meinen Blick. Das ist die Grundschwingung. Bei der eigentlichen Bildplanung geht es immer erst um die Story, dann um die Inszenierung und am Ende um die Technik.

Dirk: Das klingt wie ein Prozess den du abarbeitest. Vielleicht anders herum gefragt, was sind deine Merkmale für ein gutes Bild?

Andy: Es hat so was von einer Unterhaltung. Das Bild ist meine Sprache. Damit eine Kommunikation entsteht muß ich eine Sprache wählen die der Betrachter versteht. Er sollte meine Sprache interessant finden, es muß seinem Auge schmeicheln.  Erreiche ich ihn kann er mir zustimmen, es ablehnen oder beginnen kontrovers darüber zu sprechen. Passiert das, ist es ein gutes Bild.

Dirk: Das ist für mich so richtiges Künstlergequatsche. Was muß ich tun damit auch ich das verstehe?

Andy: Nimm doch einfach mal ein Bild von dir und unterhalte dich mit guten Freunden darüber. Lass dir erklären was sie sehen. Dann weißt Du recht schnell ob es nur ein hübsches Bild ist, oder mehr Inhalt hat. Und vor allem, Du lernst beim Zuhören was man den Leuten so alles auf einem Bild vermitteln kann. Darüber hinaus wirst du Leute kennen lernen die mit Fotografie nichts anfangen können. Die Anderen, die, die dir die Ohren vollquatschen, das sind deine Leute!

Dirk: Gute Anregung! Wie ging es nach London für dich weiter?

Andy: Ich bin zurück in die Mode weil von irgendetwas muß der Kühlschrank voll werden. Mit 9/11 gab es in der Branche aber einen richtigen Einbruch. Das war die Chance mich mehr der Kunst zuzuwenden. In dieser Phase entstand die Fairy Tales and Fashion Serie. Eine Serie die Märchenstories in moderne Bilder umsetzt.

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Das Dornröschen aus der Fairy Tales and Fashion Serie

Dirk: Und die Kunstwelt hat auf Bilder von Andy Schulz gewartet !?

Andy: Das wäre schön gewesen, aber aller Anfang ist schwer. Mit der Serie bekam ich jedoch Zugang zu Galeristen, machte Ausstellungen und konnte so meinen Namen entwickeln.

Dirk: Wie geht man das ganze eigentlich an? Hattest Du Dir vorher ein Vermarktungskonzept überlegt.

Andy: Nein, natürlich nicht. Ich bin Künstler und kein Marketingfritze. Aber ehrlich gesagt, ohne ein Marketingkonzept funktioniert es nicht und ich habe da Lehrgeld zahlen müssen. Unterm Strich ist es aber nicht schlecht gelaufen. Das wichtigste war eine Serie zu haben die die Galeristen angesprochen hat. Ohne dem geht gar nichts. Die hatte ich, alles andere hat sich dann gefügt.

Dirk: Warum Galerie und nicht Lumas oder Kollektion Wiedemann?

Andy: Eine der Masterfragen. Ich glaube das Galerien und der Posterladen ob Online oder Shop unterschiedliche Kunden haben. Beide machen Kunst, aber auf unterschiedliche Art und Weise. Meine Märchen passen meines Erachtens besser in die Galerie. Ich wollte meinen Namen auch zu einer Marke entwickeln und Renommee gewinnen, das geht meines Erachtens besser in Galerien.

Dirk: Sei ehrlich, du wolltest für deine Bilder höhere Preise erzielen.

Andy: Leugnen ist zwecklos. Da muß man aber auch nüchtern bleiben. Erstmal verkauft man in Galerien keine großen Stückzahlen. Die Produktionskosten für die Bilder auf Galerieniveau können dann auch schnell in den 4stelligen Bereich gehen. Das ganze ist kein Zuckerschlecken.

Dirk: Warum tust Du es dann?

Andy: Ja, jetzt kommt wieder der Dirk mit der BWL Brille. Aber da halte ich gegen. Fotografie ist mein Leben, meine Leidenschaft. Mit Bildern in einen Kontakt zum Betrachter zu treten ist einfach toll. Wer dieses Gen nicht in sich hat sollte es erst gar nicht versuchen.

Dirk: ohoh, da habe ich wohl ein Nerv getroffen?

Andy: Vielleicht mal ein Tipp für alle die auch gerne Fotograf sein wollen. Künstler sollten Wirtschaft und Leidenschaft irgendwie zusammen bringen. Wenigsten sollte er das tun wenn er ein normales Leben führen möchte und keine Freude daran hat sich im Absinthrausch die Ohren abzuschneiden. Früher hatte ich die Mode und die Kunst. Heute bin ich auf dem einen Bein, gemeinsam mit meiner Frau Anika, Hotelier in Schottland und auf dem Anderem leidenschaftlicher Künstler. Das passt und ist mein Weg.

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Andy Schulz in seinem Hotelgarten

Dirk: Was für Tipps hast Du noch für jemanden der auch gerne Kunst machen will.

Andy: Erstmal sollte er keine Angst vor dem Begriff Kunst haben.

Das Präsentationsmedium ist eine der ersten Fragen die man klären sollte. Ein Bild für die Wand ist was völlig anderes als ein Fotobuch oder der Post bei Instagram. Große und beeindruckende Wandbilder brauchen einen ganz anderen Bildaufbau als ein Fotobuch. Damit sollte man sich beschäftigen und ein klares Konzept entwickeln.

Dann gibt es da einen kleinen Trick den schon die alten Maler benutzt haben. Baue immer einen kleinen Störer in deine Bilder ein. Eine komische Perspektive, ein Gegenstand der da nicht hingehört, eine unharmonische Farbe, sowas halt. Damit kriegt man den Betrachter schon mal zum Verweilen.

Hat man den Betrachter beim Verweilen kommt die Stunde der Wahrheit. Die Leute wollen beim Betrachten unterhalten werden. Erst wenn es gelingt das er sich über das Bild Gedanken macht hat man gewonnen. Da trennt sich Spreu vom Weizen. Wie das geht, beziehungsweise wie ich das probiere, habe ich ja vorhin versucht zu erläutern.

Dirk: Reicht es nicht auch aus wenn man dem Betrachter Ästhetik bietet. Eine schöne Landschaft von Anselm Adams hat doch auch was.

Andy: Mit Ästhetik muß der Betrachter ein persönliches Erlebnis verbinden. Sicher, dann kann er auch davon gefesselt sein. Das ist aber nicht Andy Schulz, der will mit seinen Bildern ohne Umweg in die Köpfe.

Dirk: Andy, es war mir eine echte Freude und ich hoffe wir können uns noch so manches Mal über Fotografie austauschen. Freust Du dich eigentlich wenn jetzt die Leser dein Hotel überrennen?

Andy: Natürlich freuen wir uns über ein volles Haus. Natur- und Landschaftsfotografen finden bei uns einige sehr schöne Spots und wie schon am Anfang gesagt, das schottische Licht ist einmalig. Und das ich einem kleinem Fotoplausch nicht abgeneigt bin hast Du ja schon mitbekommen.

Highlands Schottland Orkneys old man of Hoy
Orkneys old man of Hoy

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